4. Mai 2020

Die Aufgabe

Als Du endlich die Aufgabe verstanden hast, da hast Du laut gelacht angesichts ihrer Absurdität. Dein ganzes Leben hattest Du Dir eine Aufgabe gewünscht, groß und heroisch, eine, die Dir Deine ganze Kraft abfordern würde, der Du Dich mit Deinem ganzen Wesen widmen müßtest. 

Du hattest von Prinzessinnen geträumt, die zu retten wären, von Drachen, die überwunden werden und Tyrannen, die gestürzt werden müßten, damit die Menschen in Frieden leben könnten. Dass niemand Deine Kräfte in Anspruch nehmen wollte, war die größte Kränkung von allen. Es schien, dass die Welt, trotz ihres jammervollen Zustands, keine Verwendung für Helden und Drachentöter hatte.

Und dann stellte sich heraus, dass die Welt, die es zu retten galt, in Dir selbst lag. Du hattest all die Jahre an der falschen Stelle gesucht. 

Natürlich hast Du die Aufgabe gehaßt. Was war schon glamourös daran, jeden Tag Dich aufs Neue auf Deinen Atem zu besinnen, besonders in den Momenten, in denen Du alles andere lieber getan hättest? Was war heldenhaft daran, im völlig aufgelösten Zustand zum dritten Mal in einer Woche Deine Therapeutin anzurufen, um Dir von ihr Dinge sagen zu lassen, die Du schon x-mal gehört hattest? Niemand stand am Straßenrand, um vor Deinem Pferd Blumen auf den Weg zu werfen, keine Prinzessin wartete in ihrem einsamen Turm verzweifelt auf Deine Rückkehr. 

Den einzigen Trost, den Du manchmal hattest, war ein kurzes Wiedererkennen in den Geschichten anderer, in Büchern, Filmen, in der Skillsgruppe. Ein kurzes Nicken, ein „Ja, das ist kompletter Irrsinn, was wir hier versuchen“, und dann gingt ihr alle wieder zurück in eure schlammigen Schützengräben. Es war einsam, kalt und für lange Zeit fühlte es sich an, als ob sich nichts verändern würde. 

Und irgendwann hast Du diesen Zustand wiedererkannt: Lernen. Du kanntest das vom Taekwondo, vom Yoga, dieses herumstolpern und sich abmühen und sich albern und ungeschickt vorkommen und
irgendwann resignieren und trotzdem weitermachen, mehr aus Trotz als aus dem Glauben, dass Du es schaffen könntest. Und dann irgendwann feststellen, wie weit Du schon gekommen warst, ohne es zu merken. 

Und heute sprichst Du über Deinen Kampf, über Deine Genesung vor anderen, versuchst ihnen zu sagen, dass ja es schwer ist, aber auf jeden Fall machbar. Und die Art wie sie Dich ansehen, die Hände, die vor der Brust ineinandergepreßt werden, die Tränen in den Augenwinkeln, der angehaltene Atem, diese Dinge sagen Dir, dass in Wahrheit diese Aufgabe mindestens genauso heroisch ist wie einen Drachen zu töten oder eine Prinzessin zu retten. 

Und um ehrlich zu sein: die Aufgaben, die wie kompletter Irrsinn aussahen, waren schon immer die, die Dich am meisten interessiert haben. 

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© Natalie Kiehl 2022