23. April 2022

Über Sichtbarkeit und Wachstum

Natalie sitzt am Küchentisch vor einer türkisen Wand und schaut etwas angespannt in die Kamera.

Was ich noch sagen wollte: Es fällt mir echt schwer, mich hier so zu zeigen. Mein innerer Kritiker feiert im Moment eine große Beschimpfungsparty in meinem Kopf. Alle meine Unsicherheiten, Ängste, Bewertungen sind am Start und warten nur darauf, dass irgendwas nicht so klappt, wie ich mir das vorstelle (was als Anfängerin natürlich andauernd passiert).

Will heißen: Das hier ist grade fucking hart. Und das ist genau der Punkt, der wichtig für deinen Genesungsweg ist. Denn da wirst du  auch immer wieder an Stellen kommen, an denen du am liebsten weglaufen möchtest, weil es sich so scheußlich anfühlt. Stellen, an denen du vielleicht auch tatsächlich wegläufst, weil es sich unerträglich, unmachbar anfühlt.

Und genau diese Stellen sind wie große Hinweisschilder: Hier geht’s lang! Auch, nein, genau WEIL es sich so scheußlich anfühlt. Denn nur so passiert Wachstum. Nur so kannst du die Erfahrung machen, dass das vermeintlich Unaushaltbare durchaus aushaltbar ist.

Kelly Koerner schreibt im “Praxisbuch DBT”, dass Leute mit Borderline eine Art Phobie vor ihren eigenen Gefühlen und Gedanken haben, der sie nur mit Vermeidung begegnen können. Was natürlich nicht dazu beiträgt, dass sich das Ganze auflöst, sondern die Angst wird immer nur noch größer.

Genau deshalb ist es so wichtig zu üben, unangenehme Gefühle auszuhalten. Und du darfst da ganz klein beginnen. 10 Sekunden hinschauen und atmen reichen am Anfang völlig.

Und nein, ich sitze nicht den ganzen Tag am Schreibtisch und halte aus, wie mein innerer Kritiker mich beschimpft. Ich halte aus, dass mir diese Arbeit Angst macht und deshalb mein Kritiker so aktiv ist. Ich begleite mich durch die Angst, wie ich meine Kinder durch ihre Ängste begleite, ich validiere und überprüfe die Realität (stimmt das eigentlich, was der Kritiker da so sagt?).

Ich gebe mir Selbstmitgefühl und erinnere mich daran, dass Angst und Unsicherheit bei etwas Neuem eine völlig normale, menschliche Erfahrung sind und ich damit überhaupt nicht alleine bin.
Das hilft. Und es ermöglicht mir, zu wachsen.


Wer selber nachlesen will: “Praxisbuch DBT” von Kelly Koerner, S.20

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© Natalie Kiehl 2022